Die Herstellung von antiretroviralen Medikamenten

 

 Die Herstellung von antiretroviralen Medikamenten: 
ein riskantes Abenteuer auf dem Schwarzen Kontinent

Man möchte wohl gern wissen, wie viele von uns selbstlos ihr Leben dem Ziel weihen, das Leben anderer zu verbessern. Wie viele werden die grundlegende pharmazeutische Befähigung und die Entschlossenheit haben, trotz widriger Umstände sich für die soziale Gleichberechtigung und das Recht der Menschen, die mit HIV/Aids infiziert sind, auf kostenlose Behandlung einzusetzen? Wie viele können wirklich die Schwierigkeiten und die traumatische Erfahrung ertragen, preisgünstige, qualitativ hochwertige generische antiretrovirale Medikamente für Notleidende herzustellen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten?

In einer Zeit, in derHIV/Aids immer mehr Leben fordert - in einigen Gegenden der Welt hat die Zahl sich verdreifacht – ,beschloss eine ganz besondere Frau, die scheinbar unmögliche Aufgabe auf sich zu nehmen, in das riesige herausfordernde Afrika zu reisen, um allein auf sich gestellt pharmazeutische Fabriken zu errichten und den Einheimischen beizubringen, antiretrovirale Medikamente in industriellem Maßstab herzustellen.Diese Frau kehrt nur wenige Male im Jahr in ihre Heimat in Thailand zurück, um persönliche Verpflichtungen zu erfüllen oder um zahlreiche Ehrungen entgegenzunehmen, die so viele Organisationen und Institutionen ihr zukommen lassen.

Es ist eine große Freude für uns, unseren Lesern die „zähe Mama von Afrika“ oder „die reisende Pharmazeutin“ Dr.Krisana Kraisintu vorzustellen, eine kleine Dame mit sehr großem Herzen für die Menschheit. Sie gewährte uns großzügig ein Interview über ihre lange Reise, die sie unternahm, um allumfassende finanzielle Deckung für die Behandlung von HIV/Aids für thailändische Patienten zu erreichen, und über ihre andauernden Abenteuer in Afrika.

Eine Pharmazeutin aus Notwendigkeit

Ich komme von der Insel Samui in der Provinz Surathani im Süden Thailands. Mein Vater war Arzt, meine Mutter Krankenschwester. Als ich noch klein war, folgte ich gern meiner Großmutter zu einem Tempel in der Nähe unseres Hauses. Mit einer kleinen Tüte Salz wartete ich unter dem Tamarindenbaum auf meine Großmutter, während sie betete. Wenn eine Tamarindenfrucht vom Baum fiel, hob ich sie auf, schälte sie und aß sie mit einer Prise Salz. Später, als die Gesundheit meiner Großmutter es ihr nicht mehr erlaubte, ohne Schmerzen zum Tempel zu gehen, und sie deshalb oft zu Hause blieb, folgte ich stattdessen meinem Vater zum Tempel. Meistens gingen wir zum Saum Moke Tempel in der Provinz Surathani. Ich war so glücklich, in meiner Kindheit oft zum Tempel zu gehen. Die Besuche klärten mich über die Realitäten des Lebens auf. Um jemanden gut kennenzulernen, ist es für uns nicht genug, ihn bzw. sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu kennen, sondern wichtiger noch, seine bzw.ihre Herkunft zu beachten. Die Herkunft eines Menschen und der Lebensweg, den dieser Mensch einschlägt, geben einen guten Hinweis auf die Art, wie er bzw. sie sich verhält und andere behandelt. Jedes Ding hat seine Ursache und seine Wirkung.

Mein Vater wollte, dass ich seine Stellung als Arzt einnähme. Ich war nicht gerade begeistert von Naturwissenschaften , sondern zog eigentlich Geisteswissenschaften, Gedichte, Musik und Malerei vor, obwohl ich auch in Naturwissenschaften und Mathematik hervorragend war. Der Grund weshalb ich Pharmazie studierte war, dass ich einen Punkt zu wenig im Examen hatte, 319 statt 320, um in Medizin

 

 

zugelassen zu werden. Dennoch machte es mir Freude Pharmazie zu studieren. Es war nicht schwierig und ich betrachtete es als meine Pflicht mich anzustrengen, mit gutem Erfolg zu studieren.

Nachdem ich meinen Bachelor abgeschlossen hatte, glaubte ich, dass ich größere Kenntnisse in Pharmazie erwerben müsse; so reiste ich nach Großbritannien, um weiterzustudieren. Als ich dorthin kam, verbrachte ich anfangs meine Zeit damit, englische Literatur zu studieren, Shakespeare und Ähnliches, weil ich Geisteswissenschaften liebe, bis mein Vater mich daran erinnerte, dass es Zeit sei, meine pharmazeutische Ausbildung zu verfolgen. Er sagte mir, dass die Wände unseres Hauses nicht ausreichen würden, all die Bescheinigungen über meine Literaturkurse daran aufzuhängen. Ich begann mein Masterstudium an der Universität Strathclyde in Schottland und legte darauf meine Doktorprüfung an der Universität Bath ab.

Ein Leben als Leiterin der Organisation

Als Dr. Krisana nach Thailand zurückkehrte, machte sie in den nächsten 24 Jahren Karriere als bahnbrechende Pharmazeutin: von der Stellung als Leiterin des Fachbereichs Pharmazie bis zur Direktorin für Forschung am Institut der staatlichen Organisation für Pharmazie (GPO).

Nachdem ich meine Ausbildung in Großbritannien abgeschlossen hatte, kam ich zurück nach Thailand und bewarb mich um eine Stelle als Dozentin an der Prinz von Songkha Universität in der Provinz Surathani im Süden Thailands, obwohl mein Vater für mich die Bewerbung für die Stelle bei der GPO abgegeben hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas für meine Heimatstadt tun wollte, daher arbeitete ich zwei Jahre lang dort. Die Universität berief mich als Leiterin des Fachbereichs Pharmazie, was mich wirklich überraschte. Ich hatte nicht erwartet, die Leiterin des Fachbereichs zu sein, und fühlte mich nicht wohl dabei, da es bedeutete, dass ich eine Rolle zu spielen hatte, nämlich zu lächeln, wenn ich mich nicht danach fühlte, und ich versuchte, mit den Leuten zurechtzukommen, um die Arbeit voranzubringen. Ich war immer die Leiterin der Organisation und schulterte mein ganzes Leben lang ihre Lasten und übernahm die Verantwortung. Jetzt als freiberufliche Pharmazeutin fühle ich mich viel glücklicher, da ich nur Freunde und Forschende um mich habe.

Nachdem ich zwei Jahre lang Vorlesungen gehalten hatte, wollte ich wissen, ob ich eine andere Stellung finden könne, um mein Wissen und meine Ausbildung produktiver nutzen zu können und mit meinen pharmazeutischen Kenntnissen der Allgemeinheit nützlich zu sein. Ich fühlte mich von dem Gedanken angezogen, mich um eine Stelle bei der GPO zu bewerben, als ich erfuhr, dass es der Grundsatz der GPO ist, zum Wohl Thailands und thailändischer Patienten zu arbeiten. Ich wollte qualitativ hochwertige, preisgünstige Medikamente für Thailänder herstellen. Die GPO ernannte mich zur Direktorin der Abteilung für Forschung und Entwicklung.

Während ihrer Amtszeit als Direktorin des Instituts für Forschung und Entwicklung der GPO (von 1987 bis 2002) entwickelte Dr. Krisana 64 medizinische Produkte auf Pflanzenbasis, die von Medikamenten zu Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetikprodukten reichen, außerdem verschiedeneMedikamente zur Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck, hohem Cholesteringehalt und spezielle Medikamente für Kinder. Infolgedessen können sich thailändische Patienten qualitativ hochwertige Medikamente leisten und ein langes gesundes Leben genießen. Dr. Krisanas Voliebe für pflanzliche Medikamente und das Erbe ihrer Familie bei ärztlicher Behandlung mit Pflanzen tragen in hohem Maße zu ihren Bestrebungen bei, den weit verbreiteten Gebrauch traditioneller thailändischer pflanzlicher Medikamente in moderner Form, d.h. als Tabletten und löslichem Pulver, für die Armen im ländlichen Thailand zu fördern.

 

 

Die Wundermedikamente für Aids-Kranke

Von 1992 bis2002 arbeitete Dr. Krisana an der Entwicklung von Rezepturen und Studien zur Bioäquivalenz von Medikamenten gegen HIV/Aids. Ihre unerschütterliche Überzeugung, dass Aids ein soziales Problem ist, und ihr hingebungsvoller Eifer, den Zugang zur Behandlung von HIV/Aids in Thailand zu erweitern, führte 1992 zum Erfolg in der Forschung und der Herstellung des Generikums Zidovudine (AZT), das der Übertragung des HIV/Aids-Virus von der Mutter auf das Kind vorbeugt. Ihre Leistung hob das Ansehen Thailands im Bereich der Arzneimittelherstellung und des Gesundheitswesens als des ersten Entwicklungslandes, das generische HIV/Aids-Medikamente herstellte. 1998 entwickelte Dr. Krisana eine der ersten generischen ARV-Kombinationsmedikamente mit standardisierter Dosis, das nun von der WHO als erste Maßnahme bei der Behandlung von HIV/Aids-Patienten in armen Ländern gewählt wurde. In Thailand wird dieses Mittel (GPO-VIR) im staatlichen HIV/Aids-Programm eingesetzt, wobei es für    100 000 Patienten kostenlos ist. Es wird aufgrund der Tatsache verfügbar gemacht, dass Dr.Krisanas Rezeptur den Preis der fertigen Produkte gegenüber dem der Originalprodukte drastisch reduziert. Kurz und gut, die Kosten der HIV/Aids-Behandlung für einen Patienten haben sich in Thailand von 570 bis 850 US-Dollar auf 35 US-Dollar pro Monat vermindert. Weiter entwickelte Dr. Krisana fünf andere Arten von antiretroviralen Mitteln für die Patienten. Ihre Erfindung hat der GPO ermöglicht, antiretrovirale Medikamente in Nachbarstaaten Thailands auszuführen, z.B. nach Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam, wo arme Patienten qualitativ hochwertige, preisgünstige Medikamente dringend brauchen.

Welches sind ihre Bestrebungen?

Ich habe großes Mitleid mit Kindern. Jedesmal wenn ich ein krankes Kind sehe, fühle ich mit ihm. Kinder sind die Zukunft unseres Landes. Das war der Grund, der mich veranlasste, an der Entwicklung und Forschung antiretroviraler Medikamente zu arbeiten. Ich brauchte drei Jahre (von 1992 bis 1995), um dieses Ziel zu erreichen. Die ersten sechs Monate waren sehr schwierig, weil ich alle Arbeit allein machte. Trotzdem war es unglaublich, dass meine hingebungsvolle Arbeit sich bis heute lohnte. 1995 wurde Thailand das erste Entwicklungsland, das ein generisches antiretrovirales Medikament herstellte.

Es war für mich ein langer Weg voller Kämpfe und Hindernisse, die Rezepturen zu entwickeln und generische antiretrovirale Medikamente herzustellen. Am Anfang musste ich die Rohstoffe suchen und aus dem Ausland einführen, den hartnäckigen und manchmal hasserfüllten Widerstand von Leuten in meiner Behörde wie auch von multinationalen Pharmaunternehmen überwinden. Mein Name wurde von den meisten multinationalen Pharmaunternehmen auf die schwarze Liste gesetzt, was bedeutete, dass, wenn ich jemals krank würde und Medikamente brauchte, die von diesen Unternehmen hergestellt werden, sie unter keinen Umständen zulassen würden, dass ich mit ihren Medikamenten behandelt würde. Ich musste mich vor Gericht gegen die strafrechtliche Verfolgung durch multinationale Pharmaunternehmen verteidigen, weil sie einen finanziellen Verlust erleiden würden, wenn mir die Herstellung antiretroviraler Generika gelänge. Der Preis ihrer Medikamente ist viel höher als der meiner Generika-Produkte. Ich bin dankbar für die Unterstützung durch NGOs, durch die Medien und Freunde sowie durch Menschen in Amerika und Frankreich, die mir Glück wünschten und wichtige Informationen schickten, damit ich in den Prozessen kämpfen konnte. Mein Dank geht auch an das Außenministerium von Thailand wegen der augenblicklichen humanitären Projekte in Afrika.

Das erste generische antiretrovirale Medikament, das ich herstellte, war Zidovudine oder AZT, um der Übertragung des HIV/Aids-Virus von der Mutter auf das Kind vorzubeugen. Während die Apotheken es für 40 Baht pro Kapsel verkauften, betrug der Preis der GPO nur 7-8 Baht pro Kapsel. Eine andere Art antiretroviraler Medikamente wurde für 284 Baht pro Kapsel verkauft, während die GPO es für nur 8 Baht

 

auf den Markt brachte. Was mich betrifft, so wollte ich nur den armen Patienten helfen, Zugang zu dem benötigten Medikament zu bekommen, und ich gebrauchte meine Kenntnisse zu diesem Zweck. Ich wollte niemals mit multinationalen Pharmaunternehmen konkurrieren oder Vorteile über sie erlangen.

Danach entwickelte ich mehr Rezepturen und mehr Menschen schlossen sich dem Team an. Eines der erfolgreichsten Medikamente, das die GPO herstellte, ist GPO-VIR, ein Cocktail von drei Medikamenten. Es ist sehr beliebt, weil es die Dosierung der Medikamente reduziert, die Aids-Patienten täglich einnehmen müssen, und die Kosten sind für die Patienten äußerst erschwinglich.

Aus welchem Grund verließen Sie Thailand, um nach Afrika zu reisen und dort Medikamente herzustellen?

„Ich halte mein Versprechen.“ Eigentlich war es nicht mein Versprechen, sondern das der thailändischen Regierung, das während der Konferenz der Weltgesundheitsorganisation verkündet wurde, nämlich dass Thailand afrikanischen Ländern dadurch helfen wolle, dass es die Technologie der Herstellung von antiretroviralen Medikamenten an sie weitergibt. Mir wurde übertragen, einen Plan zu entwerfen, aber als ich ihn dem Gesundheitsministerium von Thailand vorlegte, wurde er nicht beachtet. Niemand außer mir hatte Interesse daran, das Versprechen zu halten. Wenn ich bei internationalen Treffen Afrikaner traf, fragten sie mich, wann Thailand das Team schicken würde, um ihnen bei diesem Problem zu helfen. Bis September 2002 waren von thailändischer Seite keine Schritte unternommen worden, dieses Versprechen einzulösen; daher beschloss ich, mein Amt als Direktorin am Institut für Forschung und Entwicklung der GPO niederzulegen, und fuhr nach Afrika.

Das erste Mal begleitete mich meine Mutter nach Afrika. Zwei Monate lang weinte sie jeden Tag, weil sie nach Thailand zurück wollte, aber wegen meiner Verpflichtung zu arbeiten konnte ich sie nicht nach Thailand zurückbringen. Sie war ärgerlich und wollte nicht, dass ich mein Ziel verfolgte, vor Ort in Afrika den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten zu verstärken, aber ich war entschlossen, mein Leben dort weiterzuführen. Was mich betrifft, ich liebe Afrika, die wilden Tiere, die Natur und die endlosen Fahrten. Das erste Land, in das ich ging, um zu arbeiten, war der Kongo. Ich wusste damals nichts über den Kongo und gab meine ganze Pension, 1 Million Baht, für all die Ausgaben für meine Fahrten, für Unterkunft und Verpflegung dort aus.

Seit 2002 hat Dr. Krisana ihre Zeit, ihre Energie und ihre Bemühungen in der humanitären Absicht, armen afrikanischen Ländern zu helfen, dem Ziel gewidmet, die Herstellung von Pharmaprodukten vor Ort aufzubauen. Ihr Ziel ist ein zweifaches: erstens möchte sie ihre Sachkenntnis und Erfahrung nutzen, um diese Länder darin zu führen, Pharmabetriebe von hohem Standard zu errichten; und zweitens will sie die Technologie in der Produktion und der Qualitätskontrolle lebenswichtiger Arzneimittel (wie Antimalaria- und antiretroviraler Medikamente) in industriellem Maßstab an einheimisches Personal im Gesundheitswesen und in der Pharmazie weitergeben. Ihr höchster Erfolg ist Selbstvertrauen und ununterbrochener Zugang für die Patienten zu lebensrettenden Medikamenten.

Von 2002 bis 2005 leistete Dr. Krisana der Firma Pharmakina in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo technischen Beistand und versorgte sie mit Know-how bei der Errichtung eines ARV-Werks und bei der Herstellung eines ARV-Mittels, einer Kombination mit festgesetzter Dosis, bekannt unter dem Namen AFRI-VIR. Gleichzeitig war sie verantwortlich für den Bau eines ARV-Werks und einer Abteilung für Anti-Malaria-Medikamente bei der Pharmaindustrie von Tansania (TPI) in Arusha. Anschließend konnte die TPI 2003 Anti-Malaria-Medikamente auf der Grundlage von Artemisinin für Erwachsene und Kinder herstellen sowie im Oktober 2005 ein ARV-Konbinationsmittel mit festgesetzter Dosis, das als TT-VIR bekannt wurde.

 

In den vergangenen sieben Jahren arbeitete Dr. Krisana in fünfzehn afrikanischen Ländern, z.B. in Benin, Burundi, Gabun, Kenia, Mali und Uganda. Sie ist entschlossen, weiterhin in andere afrikanische Länder zu reisen, um ihre humanitäre Mission bis zum letzten Tag ihres Lebens zu erfüllen.

Glück wohnt im Herzen

In Afrika zu leben, ist eine ziemliche Herausforderung für jeden, besonders für eine Ausländerin. Dr. Krisana jedoch nimmt ihr Leben in Afrika mit offenem Herzen an. Sie ist glücklich, wann immer sie ihren Fuß auf diesen Kontinent setzt, und gibt nie ihre Hoffnungen und Träume auf zu erleben, dass die Einheimischen sich eines gesunden Lebens erfreuen, obwohl sie Gefahren für ihr Leben und unüberwindliche Hindernisse bezwingen muss. Sie erzählte uns:

Das Leben ist schwer genug, auch ohne dass man mehr Kummer auf sich lädt. Ich liebe mich und möchte gern glücklich sein. Deshalb halte ich all die negativen Gefühle von mir fern und mache mich nicht selbst unglücklich. Ich verbringe keine Zeit damit, zu viel an die Zukunft oder die Vergangenheit zu denken. Ich denke an die Gegenwart und mache das Beste daraus.

Einmal reiste ich auf auf eine Einladung hin, einen Vortrag über technische Hilfe in der Pharmaindustrie zu halten, nach Nigeria. In Nigeria war es schon tagsüber gefährlich, geschweige denn nachts. Ich kam allein um ein Uhr in der Nacht am Flughafen an, da mein Flug viele Stunden Verspätung hatte. Derjenige, der mich am Flughafen abholen sollte, war nicht da und das Sicherheitspersonal erlaubte niemandem, nachts innerhalb des Flughafengeländes zu bleiben. Ich musste ein Taxi zum Hotel nehmen und wurde unterwegs fünf Mal von Einheimischen angehalten, wobei sie Gewehre auf mich richteten. Ich hatte keine wertvollen Sachen bei mir und antwortete auf ihre Fragen hin, dass ich nach Nigeria käme, um ihnen zu helfen. Ich hatte große Angst, musste aber mutig sein und unterhielt mich mit ihnen über mein Land, dass ich Reis esse genauso wie sie. Es war sehr dunkel und ich konnte sie nicht sehen, nur ihre Augen und ihre weißen Zähne. Schließlich ließen sie mich fahren und nahmen mir nichts weg. Derselbe Zwischenfall wiederholte sich vier Mal während der 20 Kilometer bis zum Hotel.

Mein nächstes Abenteuer ereignete sich im Kongo. Ich schlief und wachte mitten in der Nacht durch lauten Lärm und plötzliches helles Licht auf. Ich dachte bei mir, warum es den schon so bald Morgen sei. Es stellte sich heraus, dass nicht die Dämmerung mich aufgeweckt hatte, sondern eine Bombe, die auf das Haus gerichtet war, in dem ich mich befand; aber sie verfehlte ihr Ziel und traf stattdessen das Nachbarhaus. Ich war erschrocken. Ich glaube, es gibt Leute, die mich beiseiteschaffen wollen, weil ihnen meine Arbeit im Weg steht, wenn sie riesigen Profit auf Kosten von Kranken machen wollen.

Ich kann die Frage nicht beantworten, warum ich diese Arbeit in Afrika weitermache. Ich bin nicht mehr jung und muss die Schwierigkeiten und all die Unannehmlichkeiten des Lebens dort ertragen, obwohl ich in Thailand ein weitaus bequemeres Leben haben kann. Für mich bedeutet es Glück, was ich in Afrika erfahre. Ich bin glücklich den Menschen zu helfen, zu sehen, wie sie sich eines gesunden Lebens erfreuen. Ich spüre, dass ich „Dhamma“ ausübe, wenn ich in Afrika lebe und arbeite. Ich erwarte nicht, jemals einen Dank dafür zurückzubekommen. Ich bin beeindruckt von der Großzügigkeit und der Gastfreundschaft der Afrikaner, die sie bieten, obwohl sie sehr arm sind. Die Augen der afrikanischen Kinder sind unschuldig und voller Hoffnung. Ich möchte ihnen so viel ich kann helfen, und indem ich das tue, ist mein Leben lebenswert.  

Was spornt Sie an?

Menschen, gleichgültig wie stark sie sind, brauchen etwas, das sie anspornt, und moralische Unterstützung, um weiterhin ihr Leben zu führen. Bis heute ist für Dr. Krisana die lebensändernde Erfahrung mit einem einzigen afrikanischen Kind ihr Antrieb.

Am Anfang hatte ich die Absicht, fünf Jahre lang in Afrika zu bleiben, aber es geschah etwas, und ich möchte meine Arbeit bis zu dem Tag fortsetzen, an dem ich nicht mehr die Treppe zum Flugzeug hochgehen kann. Ich habe keinen Ehrgeiz, kein besonderes Ziel. Ich bin zufrieden, wenn ich den Einheimischen beibringen kann, ihre eigenen Medikamente in Afrika herzustellen. Ich fühle mich mit den Menschen dort verbunden. Afrika ist mein Zuhause.

Einen Wendepunkt für diesen Entschluss zu bleiben brachte der Tag, an dem ein siebenjähriger Junge namens Jacob in das Krankenhaus in Benin gebracht wurde, wo ich den Einheimischen beibrachte, Mittel gegen Malaria herzustellen. Der Junge war mit Malaria infiziert und nahe daran zu sterben. Seine Mutter weinte und bat uns, ihm zu helfen. Das Mittel gegen Malaria war gerade fertig, hatte aber noch nicht die Qualitätskontrollen im Labor durchlaufen. Wir hatten keine andere Wahl als es zu benutzen, um Jacobs Leben zu retten. Innerhalb kurzer Zeit war er wieder bei Bewusstsein und sein Fieber sank schnell. Es ging ihm besser und er war am Leben. Seine Mutter war sehr glücklich und dankbar. Sie dankte mir viele Male. Ich war sehr froh, dass ich ein Kind vor dem Tod retten konnte. Die Erfahrung mit Jacob gab mir den Antrieb, meine Arbeit zu tun. Ich fühlte mich tatkräftig und konnte all die widrigen Umstände überwinden, brachte es fertig niemals aufzugeben, niemals mich zu langweilen und es niemals satt zu haben.

Sie stattet ihren Dank ab

Zur Zeit arbeitet Dr. Krisana nicht nur daran, das Leben der Afrikaner zu verbessern, sie hält auch Vorlesungen in Thailand und gründete eine Arzneimittelfabrik in der Provinz Ubon Rajathani im Nordosten von Thailand.

Ich reise zwischen Thailand und Afrika hin und her und verbringe viel Zeit im Flugzeug. Im Augenblick halte ich eine Reihe Vorlesungen an Universitäten in ganz Thailand. Ich gründete eine Arzneimittelfabrik an der Universität in Ubon Rajathani und vermittle den Pharmaziestudenten praktische Erfahrung in der Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln. Ich liebe Ubon und glaube, dass es in gewisser Weise Afrika ähnelt, was die Natur, die Einfachheit und die Lebensweise betrifft. Ich möchte dabei helfen, das Einkommen der Bauern zu erhöhen, die Arzneipflanzen anbauen. Darüber hinaus möchte ich der Universität meinen Dank dafür abstatten, dass sie ihre Hilfe auf die Menschen von Burundi ausdehnte dadurch, dass sie im September 2008 eine Maschine zur Herstellung von Tabletten gegen Malaria stiftete.

Anerkennungen und Auszeichnungen

Da Dr. Krisana in unermüdlicher und furchtloser Hingabe an die Herstellung dringend benötigter Generika in Thailand und in anderen Ländern ihre pharmazeutische Arbeit dem Dienst an den Kranken widmete, wurden ihr viele angesehene Auszeichnungen verliehen:

 

-        eine Goldmedaille anläßlich Eureka, der 50. Weltausstellung für Innovation, Forschung und neue Technologie in Brüssel, Belgien, 2001

-        „Global Scientific Award 2004“ durch die Letten Foundation als Anerkennung von Dr. Kraisintus außerordentlichem wissenschaftlichen Beitrag auf dem Gebiet von HIV/Aids

-        Ehrendoktor der Naturwissenschaften vom Mount Holyoke College, USA, im Mai 2005

-        Auszeichnung am Aids-Gedenktag 2005 (ReD Awards) in Berlin, Deutschland, im August 2005

-        Ehrendoktor der Pharmazie von der Universität Chiengmai, Thailand, im Januar 2006

-        Ehrendoktor der Naturwissenschaften von der Universität Strathclyde, Großbritannien, im Juni 2006

-        „2007 speaker for the Chancellor’s Distinguished Lectureship Series” von der ersten Vorlesungsreihe der Louisiana State University, USA, im April 2007

-        “Asiatin des Jahres 2007”, ausgewählt vom Reader’s Digest Magazin im Januar 2008

Ihr Porträt wurde in den verschiedenen Sprachen der Ausgaben dieser Zeitschrift in 26 Ländern veröffentlicht.

-        Der Premierminister von Thailand hat Dr. Kraisintu als außergewöhnliche Thailänderin auf dem Gebiet der sozialen Entwicklung für 2008 gewürdigt.

-        „Citizen Hero Award“ vom Sanya Thammasak Institut für Demokratie, Universität Thammasart, Thailand, im März 2009

-        „Ehren-Pharmazeutin“ durch die thailändische Gesellschaft der Krankenhaus-Pharmazeuten im Mai 2009

-        Ehrendoktor der Naturwissenschaften der Universität Bath, Großbritannien, im Juli 2009

-        Ramon Magsaysay Award 2009 für den Dienst an der Allgemeinheit, 31. August 2009

 

 

Während unserer langen Unterhaltung mit Dr. Krisana Kraisintu können wir spüren, wie die ungeheure Energie dieser 57 Jahre alten grauhaarigen Dame auf uns ausstrahlt. Unsere letzte Frage im Interview an diesem Tag war, welche Medizin sie zu finden wünsche, um welche Krankheit zu behandeln. Ihre Antwort lautete: „Die Medizin, die Gier vermindert. Ich würde sie Thais geben, dann anderen Leuten im Ausland. Wenn die Menschen weniger gierig sind, können wir viele Krankheiten heilen und viele Probleme lösen.“

  

Quelle: Interview in Voyage Travel Magazine
Translated by Mrs.Renate Kurz

 

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article thumbnail”Jag kommer från ön Samui, i Suratthani-provinsen i södra Thailand. Min far var läkare, min mor var sjuksköterska. När jag var liten tyckte jag om att följa med mormor till ett tempel nära vårt...

 

 

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